Warum alles scheiße ist…

…Teil I: Zum Beispiel weil erwachsene Menschen in verantwortungsvollen Positionen dafür bezahlt werden, unterhalb des durchschnittlichen Kindergartenniveaus zu argumentieren

TL;DR:

Im Kindergarten begründen Kinder ihre asozialen Verhaltensweisen gerne damit, dass diese (oder ähnliche) Verhaltensweisen zuerst von ihren Opfern auf sie selbst angewendet wurden („der hat aber angefangen“). Solches Denken und Handeln führt oft zu Eskalationen, welche zu viel Leid führen können. Erwachsene machen das oft nicht besser, sondern setzten noch einen drauf: Sie rechtfertigen ihre Gräueltaten gerne mal damit, dass irgendjemand anderes irgendjemand anderem solche Gräueltaten auch antut oder angetan hat.

Viele Argumentationsstrukturen, die, wenn man sie offen legt, Erwachsene für so bescheuert halten, dass sie sie kleinen Kindern nicht zutrauen, werden von Erwachsenen in Machtstellungen und Führungspositionen selbst angewendet. Solange Menschen an der Macht sind, die so inkompetent sind, dass sie unter Kindergartenniveau argumentieren – um zum Beispiel Menschenrechtsverletzungen zu rechtfertigen – wird „alles scheiße“ bleiben. Was wir tun können? Dumme Argumente entlarven und Menschen Macht geben, die ihre Taten mit weniger dummen Argumenten begründen können.

Fangen wir im Kindergarten an

Eine (zumindest in meiner Fantasie) typische Szene aus dem Kindergarten. Peter hat ein Spielzeug. Paul will es auch. Paul bewirft Peter mit Sand und trifft seinen Hals. Peter wird sauer und wirft zurück. In die Augen. Aua. Es gibt Geschrei und Paul weint. Die Erzieherin kommt und fragt: „Was ist hier los? Peter, warum bewirfst du Paul mit Sand?“ Peter: „Paul hat angefangen.“

Und wie es genau weiter geht, darf sich jeder selbst ausmalen.

Von dieser kleinen Begebenheit könnte man einer Menge lernen. Über die Schere von Arm und Reich (Warum hat Peter ein Spielzeug, das Paul nicht hat, ist das gerecht?) oder von der fast schon traditionsbewusst über Generationen hin weitergegeben mangelnden Kommunikationsfähigkeit des Menschen (Warum bewirft Paul Peter mit Sand statt ihn freundlich zu fragen, ob er das Spielzeug auch mal haben darf?), die meiner Beobachtung nach sich mit dem Älter werden viel zu oft kein bisschen verbessert. Aber mir geht es hier um die Antwort von Peter: „Paul hat angefangen“.

Peters Antwort ist nicht nur typisch, sondern erscheint einigen vermutlich sogar ziemlich gerecht. Und das ist ein Problem, weil Peters Art zu denken vermutlich für ziemlich viele Kriege der Welt verantwortlich ist. Denn nicht nur Peter fühlt sich vermutlich zu unrecht von Paul mit Sand beworfen, sondern auch Paul fühlt sich ungerecht behandelt, weil Peter nicht nur mehr hat als er, sondern ihm dann auch noch Sand in die Augen wirft. Peter und Paul werden Älter, die Methoden etwas ausgeschliffener – zack – befinden wir uns in einem Krieg. Ich kann mir z.B. sehr gut vorstellen, dass der Kurden-Türken Konflikt so ähnlich wie Peter & Pauls Geschichte angefangen hat.

Beleuchten wir also Peters Argumentationsstruktur und seine Weise zu denken: Soweit wir das aus der kurzen Erzählung herauslesen können, ist Peter der Ansicht, das es prinzipiell eigentlich nicht erlaubt ist und es keinen guten Grund dafür gibt, jemandem Sand in die Augen zu werfen. Sonst hätte er wohl geantwortet: „Wieso fragen Sie, Frau Erzieherin? Es ist doch völlig okay, jemandem Sand in die Augen zu werfen!“ Hat er aber nicht. Aber offensichtlich ist Peter der Ansicht, dass sobald ihn jemand mit Sand bewirft, er das Recht hat, diesen dann auch mit Sand zu bewerfen. Das ist Argumentation auf Kindergartenniveau. Das interessante ist, dass manche erwachsene Menschen nicht etwa lernen, besser (also deeskalierender) in äquivalenten Situationen zu handeln, sondern diese Argumentationsstruktur sogar noch weiter ausreizen.

Was ich damit meine, möchte ich an zwei Beispielen, die mir zufällig vor die Augen gescrollt sind, zeigen:

1. Primark

Primark ist eine wohlbekannte Kleidungsvertriebskette, die sich durch extrem niedrige Preise einen Namen gemacht hat. Natürlich kann man da schnell auf die Idee kommen, dass die niedrigen Preise daher kommen, dass die Lebensqualität der Fabrikarbeiter und Näherinnen nicht die oberste Priorität des Managements (und der Kunden…) darstellen. Mit diesem Verdacht (dass Primark-Arbeiter unter schlechten Bedingungen arbeiten) wurde der Chefjurist von „Associated British Foods“, dem „Mutterunternehmen“ von Primark, konfrontiert. Seine Antwort darauf war:

„Wir nutzen die gleichen Zulieferer wie teure Modeketten. […] Auf der einen Produktionsstraße wird Primark gefertigt, auf der anderen Hugo Boss.“

Jetzt ist es nicht so, dass eine Produktionsstraße, in welcher Hugo Boss Kleidung gefertigt wird, sich zwangsläufig durch eine hohe Lebensqualität der Arbeiter auszeichnet. Eine Produktionsstraße, in welcher Hugo Boss Kleidung gefertigt wird, zeichnet sich genau dadurch aus, dass auf ihr Hugo Boss Kleidung gefertigt wird. Mehr nicht. Und dass Fabriken, in denen neben Primark auch andere Ketten produzieren lassen, auch mal auf Menschenrechte pfeifen, zeigt z.B. der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh im Jahr 2013.

Der Witz an dieser Story ist: Technisch gesehen hat dieser Primark-Jurist recht. Mit seiner Aussage wollte er erklären, dass niedrige Preise nicht bedeuten, dass die Primark-Arbeiter es schlechter haben als die Hugo-Boss-Arbeiter. Aber was er auch damit sagt, ist:

„Es ist völlig in Ordnung, wenn die Arbeiter, die unsere Kleidung produzieren, schlecht behandelt werden und unter katastrophalen Bedingungen arbeiten, solange die Arbeiter von Hugo Boss (oder eines anderen Unternehmens) auch nicht besser behandelt werden.“

Und das ist meiner Meinung nach eine Argumentationsweise, die vom Niveau her die von Peter & Paul noch mal deutlich nach unten hin übertrifft.

2. Die Fertigpizza

Ähnlich verhält es sich mit der Fertigpizza. Hier geht es aber nicht um die Arbeitsverhältnisse in irgendwelchen Fabriken, sondern um den ökologischen Schaden, den die Tiefkühl-Pizza bei ihrer Reise um die Welt anrichtet. Eine preislich optimierte Fertigpizza (bzw. ihre einzelnen Zutaten) reist einer Studie aus dem Jahr 2010 gemäß 48 000 km in der Welt herum bevor sie im Supermarkt landet. Das ist nach gängiger Meinung nicht besonders gut für die Umwelt (also für uns und unseren Lebensraum).

Vertreter der Ernährungsindustrie dementieren solche Zahlen nicht, es gib sogar mittlerweile Fertigprodukthersteller, die solche absurd hohen Zahlen selbst offen legen, um wenigstens durch ihre Transparenz noch sympathischer zu wirken als die, die sie zu verstecken versuchen. Eine Vertreterin der Ernährungsindustrie hat auf die Konfrontation mit den weiten Transportwegen der Fertigpizza mit folgendem Satz reagiert: „Bei Autos regt sich auch niemand über die weltweite Produktion auf.“ Was sie damit praktisch auch sagt, ist:

„Es ist völlig in Ordnung, der Umwelt zu schaden und die Lebensgrundlage für zukünftige Generationen zu zerstören, solange andere das auch tun.“

Also ähnlich wie die Primark-Argumentation „Solange teure Modemarken Arschlöcher sind, sind wir keine Arschlöcher, auch wenn wir arschlochhaft mit Menschen umgehen.“

Gehen wir wieder in den Kindergarten

Übertragen wir diese Erwachsenenlogik auf Peter & Paul. Und bedenken wir dabei, dass die von mir zitierten Erwachsenen höchstwahrscheinlich darin geschult wurden, in der Öffentlichkeit aufzutreten und kritische Fragen zu beantworten. Sie werden quasi dafür bezahlt, dass solche Artikel wie dieser hier nicht geschrieben werden können. Stecken wir den Primark Jurist in Peter und die Ernährungsindustrievertreterin in Paul.

Peter & Paul spielen im Sandkasten. Nebenan spielt Anna. Sie hat nichts, weil ihre Eltern arm sind und sie ist schwächer als Peter & Paul, weil sie ein Jahr jünger als die beiden und zudem ein Mädchen ist. Der 5-jährige Peter sagt zu Paul: „Es ist irgendwie öde, mit diesem hydraulischen batteriebetriebenen Vollautomatikbagger zu spielen. Komm wir verprügeln Anna.“ Paul sagt: „Gute Idee.“ Peter & Paul gehen zu Anna und treten sie. Anna fängt an zu weinen. Peter reißt Anna ein Auge aus, dadurch fängt sie doll an zu bluten. Paul denkt sich: „Anna kann ja immer noch sehen  weil sie noch ein zweites Auge hat, wie doof.“ Und reißt ihr das andere Auge auch aus. Naja, wenigstens kann jetzt Anna niemand mehr Sand in die Augen werfen. Die Erzieherin kommt und ist – vermutlich – relativ entsetzt. Nachdem sie den Notarzt gerufen hat und Anna sich in medizinischer Versorgung befindet (allerdings muss sie etwas warten, da sie nicht privat versichert ist und die privatversicherte Millionärstochter erst noch ihren Pickel verarztet bekommen muss.) fragt sie Peter & Paul, warum sie das getan haben. Beide zeigen auf den jeweils anderen und sagen „Es ist völlig in Ordnung dass ich Anna asozial behandelt und ihr ein Auge ausgerissen habe, der da hat es ja auch gemacht.“

Zufällig ist Pauls Vater Chefjurist der Mutterfirma von Primark. Tagsüber war er auf einer Pressekonferenz und hat weltweit verkündet, dass es völlig okay ist, dass über 1000 Menschen bei einem Fabrikunglück einer Textilfirma gestorben sind, die Primark beliefert – weil ja diese Fabrik auch andere Unternehmen beliefert, und diesen sind die Mitarbeiter genauso egal. Also ist das in Ordnung. Er kommt heim und hört, was Paul im Kindergarten angestellt hat. Als er erfährt, wie Paul sein Tun auch noch gerechtfertigt hat, verliert er die Fassung und verprügelt seinen Sohn. „Wie kann man nur so Dummes Zeug reden? Wo hat er das wieder gelernt? Bestimmt bei den Kommunisten.“

Lustigerweise ist die Geschichte aus dem Kindergarten – jedenfalls die mit Anna – reine Fiktion, die entsprechenden „Geschichten“ der Erwachsenen (mehr oder weniger) wohl-recherchierte Tatsachenberichte.

Romeo & Julia

Man kann sich diese „anderen zu schaden ist okay solange andere auch anderen schaden“-Logik mal in einem fiktiven Beispiel der Erwachsenenwelt vorstellen. Nehmen wir mal an Sie besitzen eine Tochter, nennen wir sie Julia, die ist drei Jahre alt. Nun kommt ein Mann, nennen wir ihn Romeo, vorbei und vergewaltigt sie, bevor er sie dann schließlich tötet. Die Polizei kommt und verhaftet ihn. Sie wollen natürlich, dass der Mann verurteilt wird. Der Richter will ihn auch verurteilen, weil er ihn für schuldig hält, da der Täter ein volles Geständnis abgelegt hat. Vor Gericht bringt der Mann dann aber ein entscheidendes Argument: Er sagt: „Es gibt Männer auf der Welt (beispielsweise in Somalia oder in Liberia) die machen das auch und kommen straffrei davon und keiner hier stört sich daran. Also ist es okay, wenn ich das getan habe, und darf dafür auch nicht bestraft werden.“ Der Richter gibt dem Mann natürlich recht und spricht ihn frei, da der Richter weiß, dass Erwachsene schon lange mit dieser Logik ernsthaft argumentieren. Warum also nicht hier auch?

Fazit

Meiner Meinung nach ist diese „etwas ist okay solange ein anderer es auch tut“-Argumentation ein allgegenwärtiger Hauptgrund warum wir in Weltunfrieden leben müssen. Ich höre so oft Argumente, die den Konsum von Fleisch, das Kaufen von Produkten bei denen eigentlich klar ist (bzw. nach 5 min informieren klar sein sollte), dass höchstwahrscheinlich eine Menge Menschenrechtsverletzungen bei der Produktion involviert sind oder asoziales Verhalten allgemein damit rechtfertigen, dass es „normal“ ist, also mit anderen Worten, dass viele andere es auch machen. Das soll dieses Verhalten legitimieren. Mit dieser Begründung wäre es z.B. auch in Ordnung wenn ich vergewaltigt würde, es müssten sich nur genug daran beteiligen, sodass es normal würde (Nun, traurigerweise ist es in einigen Ländern, inklusive Deutschland, ziemlich normal und legitim, z.B. Frauen aus weniger hohen sozialen Schichten zu vergewaltigen).

Ungefähr genau so lächerlich, wie die obige Gerichtsverhandlung hier dargestellt wurde, wird heutzutage allzu oft das Leid gerechtfertigt, dass durch die westliche Konsumgesellschaft an den Produktionsländern verursacht wird. Egal ob es dabei um Bananen, Tabak, Kleidung, Waffen, Macht (Z. B. das Machtgefühl, das sich ein Freier beim Mieten einer Zwangsprostituierten kauft), Ananas, Prostituierte oder Soja für unsere Viehzucht (vor allem Fleischproduktion) geht. Alles muss her, so billig wie möglich, damit wir es konsumieren können, und wenn wir damit konfrontiert werden, dass dadurch die Menschen in den Produktionsländern (oder im Falle von Prostituierten überall, auch in Deutschland) darunter erheblich leiden, zucken wir mit den Schultern und sagen: „Na und, machen die anderen doch genau so.“

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